Thermisches Direktfügen: Metall und Kunststoff ohne Klebstoff verbinden

Wie die Laserstrukturierung belastbare Metall-Kunststoff-Verbindungen ermöglicht

Martin Gillner | 25. August 2026 ᛫ 10 Min.


Metall und Kunststoff besitzen sehr unterschiedliche Eigenschaften – und genau darin liegt ihr Potenzial für moderne Hybridbauteile. Metall übernimmt hohe mechanische Lasten, bietet Steifigkeit und Wärmeleitfähigkeit, während thermoplastische Kunststoffe geringes Gewicht, elektrische Isolation und eine hohe geometrische Gestaltungsfreiheit ermöglichen. Die Herausforderung liegt in der Verbindung beider Werkstoffklassen. Eine technisch interessante Lösung ist das thermische Direktfügen: Die Metalloberfläche wird gezielt laserstrukturiert, der Thermoplast an der Grenzfläche aufgeschmolzen und unter Druck in die erzeugten Strukturen eingebracht. Nach dem Abkühlen entsteht eine belastbare Metall-Kunststoff-Verbindung – ohne klassischen Klebstoff und ohne zusätzliches mechanisches Verbindungselement.

Wie funktioniert thermisches Direktfügen?

Der Prozess lässt sich in vier Schritte unterteilen: Strukturieren, Erhitzen, Zusammenpressen sowie Abkühlen und Erstarren. Zunächst wird die metallische Fügefläche mit dem Laser funktionalisiert. Anschließend werden Metall und Thermoplast in Kontakt gebracht. Durch Laserstrahlung, Induktion, Heizelemente oder eine andere geeignete Wärmequelle wird die Grenzfläche so weit erwärmt, dass die Polymermatrix lokal aufschmilzt. Unter Fügedruck fließt die Schmelze in die lasererzeugten Kavitäten. Wird der Wärmeeintrag beendet, kühlt die Verbindung ab und der Thermoplast erstarrt innerhalb der Strukturen.

Bei Thermoplasten ist dabei technisch nicht von einem chemischen „Aushärten“ zu sprechen. Die Festigkeit entsteht durch Abkühlung und Erstarrung der zuvor aufgeschmolzenen Polymermatrix. Je nach Materialpaarung können zusätzlich physikalische oder chemische Wechselwirkungen an der Grenzfläche auftreten; bei stark strukturierten Oberflächen ist jedoch der mikromechanische Formschluss ein wesentlicher Verbindungseffekt.

Prozessabfolge: Thermisches Direktfügen. © Pulsar Photonics GmbH (KI-generierte Illustration).

Warum ist die Laserstrukturierung so entscheidend?

Eine hohe Oberflächenrauheit allein garantiert noch keine hohe Verbindungsfestigkeit. Entscheidend ist die Geometrie der erzeugten Mikrostrukturen. Typische Kenngrößen sind Strukturtiefe, Strukturbreite, Pitch, Aspektverhältnis, Kavitätenvolumen, Rauheit der Innenwände und die Orientierung der Strukturen zur späteren Belastungsrichtung.

Besonders wirksam sind hinterschnittige Strukturen. Dabei ist ein Bereich innerhalb der Kavität breiter als die Öffnung an der Oberfläche. Fließt der Thermoplast in diese Geometrie und erstarrt dort, entsteht eine mechanische Verriegelung. Eine Trennung senkrecht zur Fügefläche erfordert dann eine Verformung oder ein Versagen des Polymers beziehungsweise der Struktur selbst.

Definierte Hinterschnitte können auch mit kontinuierlicher Laserstrahlung erzeugt werden. Dabei sind, je nach Struktur, deutlich höhere Flächenraten realisierbar. Gleichzeitig zeigt sich: Möglichst tiefe Strukturen sind nicht automatisch besser. Reproduzierbarkeit, gleichmäßige Hinterschnitte und eine vollständige Füllung sind entscheidender als maximale Strukturtiefe.

Temperatur, Viskosität und Fügedruck bestimmen die Füllung

Die beste Laserstruktur ist wirkungslos, wenn die Polymerschmelze sie nicht vollständig füllt. Deshalb müssen Oberflächenstrukturierung und thermischer Fügeprozess als ein zusammenhängendes System betrachtet werden.

Mit steigender Temperatur sinkt die Viskosität thermoplastischer Schmelzen deutlich. Dadurch kann das Polymer leichter in schmale und tiefe Kavitäten eindringen. Gleichzeitig unterstützt der Fügedruck die Verdrängung der Schmelze in die Struktur. Auch die Fügezeit spielt eine Rolle: Die Grenzfläche muss lange genug fließfähig bleiben, bevor die Erstarrung beginnt.

Zu geringe Temperaturen führen zu unvollständiger Aufschmelzung und geringer Strukturfüllung. Ein zu hoher oder zu langer Wärmeeintrag kann dagegen die Polymermatrix thermisch schädigen. Mögliche Folgen sind Kettenspaltung, Gasbildung, Poren oder eine Verschlechterung der mechanischen Eigenschaften. Für eine robuste Verbindung ist daher ein werkstoffspezifisches Prozessfenster aus Temperatur, Zeit und Druck erforderlich.

Bei faserverstärkten Thermoplasten kommt ein weiterer Einfluss hinzu. Feine Kavitäten werden vor allem durch die aufgeschmolzene Polymermatrix gefüllt; Verstärkungsfasern können abhängig von Faserdurchmesser, Länge und Orientierung nur eingeschränkt in sehr kleine Strukturen eindringen. Zu tiefe Strukturen können deshalb zu unvollständiger Infiltration oder lokaler Faserschädigung führen.

Zusätzlich beeinflussen Benetzung und Grenzflächenspannung, wie gut die Schmelze feine Strukturen erreicht. Die Wärmeleitfähigkeit des Metalls bestimmt zugleich, wie schnell und wie homogen sich die Fügetemperatur ausbildet. Gerade bei großen metallischen Bauteilen können Wärmeabfluss und lokale Temperaturgradienten das Prozessfenster stark verändern. Deshalb sollten Temperaturmessung, definierter Anpressdruck und eine reproduzierbare Positionierung der Fügepartner bereits bei der Anlagen– und Werkzeugauslegung berücksichtigt und in der Serienfertigung überwacht werden.

Direktfügen im Spritzguss: eine besonders serientaugliche Alternative

Eine sehr attraktive Variante besteht darin, das laserstrukturierte Metallbauteil direkt als Insert in ein Spritzgusswerkzeug einzulegen und den Kunststoff anzuspritzen. In diesem Fall werden Bauteilherstellung und Fügevorgang in einem Prozess kombiniert.

Die heiße Polymerschmelze trifft direkt auf die strukturierte Metalloberfläche und wird durch den Einspritz- und Nachdruck in Kavitäten und Hinterschnitte gedrückt. Während der Abkühlung erstarrt sie dort und erzeugt den mikromechanischen Formschluss. Wichtige Prozessgrößen sind Schmelzetemperatur, Werkzeug- und Inserttemperatur, Einspritzgeschwindigkeit, Druck, Nachdruck und Strukturgeometrie.

Insbesondere die Temperatur des Metallinserts ist relevant. Ist das Metall zu kalt, kann die Polymerschmelze unmittelbar an der Grenzfläche erstarren, bevor tiefe Strukturen vollständig gefüllt sind. Bei geeigneter Prozessführung lässt sich dagegen eine hohe Strukturfüllung erreichen.

Für große Stückzahlen ist dieses Konzept besonders interessant: Ein separater thermischer Fügeschritt kann entfallen, und komplexe Kunststofffunktionen wie Rippen, Kanäle, Dichtkonturen oder Befestigungselemente lassen sich unmittelbar an ein metallisches Trag- oder Funktionsteil anspritzen. Untersuchungen zu laserstrukturierten Metalloberflächen im Spritzguss zeigen zudem, dass Durchmesser, Aspektverhältnis, Periodizität und die Rauheit innerhalb der Kavitäten die erreichbare Verbindungsfestigkeit beeinflussen.

Welche Vorteile und Grenzen hat das thermische Direktfügen?

Thermisches Direktfügen kann Klebstoffe, Schrauben oder Nieten in geeigneten Anwendungen ersetzen. Dadurch entfallen zusätzliche Verbindungselemente und beim klassischen Direktfügen auch lange Klebstoff-Aushärtezeiten. Gleichzeitig lässt sich die Laserstruktur lokal und belastungsgerecht erzeugen.

Zu den wichtigsten Vorteilen gehören:

  • Direkte Verbindung von Metall und Thermoplast
  • Kurze Fügezeiten und hohe Automatisierbarkeit
  • Keine klassische Klebstoffschicht notwendig
  • Hohe Gestaltungsfreiheit der Fügefläche
  • Potenzial für medien- beziehungsweise fluiddichte Verbindungen
  • Integration in automatisierte Fertigungs- und Spritzgussprozesse

Grenzen ergeben sich unter anderem durch die stark unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten von Metall und Kunststoff. Beim Abkühlen entstehen dadurch Eigenspannungen. Außerdem müssen Langzeitverhalten, Temperaturwechsel, Feuchte, Medienkontakt und Ermüdung für die jeweilige Anwendung geprüft werden. Auch die Bauteilgeometrie muss den Zugang für Laserstrukturierung, Erwärmung und Fügedruck ermöglichen.

Welche Materialkombinationen eignen sich für das thermische Direktfügen?

Grundsätzlich lässt sich das thermische Direktfügen mit einer Vielzahl metallischer Werkstoffe und thermoplastischer Kunststoffe realisieren. Entscheidend ist weniger eine einzelne Werkstoffpaarung als vielmehr die Abstimmung von Laserstruktur, Verarbeitungstemperatur, Schmelzeviskosität und thermischen Eigenschaften der beiden Fügepartner.

Auf der Metallseite kommen insbesondere Aluminium- und Stahlwerkstoffe zum Einsatz. Je nach Anwendung sind auch Magnesium, Titan oder Kupferlegierungen möglich. Unterschiede in Absorption, Wärmeleitfähigkeit und Schmelzverhalten beeinflussen dabei sowohl die Laserstrukturierung als auch die Temperaturverteilung während des Fügens.

Als Kunststoffpartner eignen sich vor allem Thermoplaste, da diese bei Erwärmung reversibel aufschmelzen und in die erzeugten Mikrostrukturen fließen können. Typische Werkstoffgruppen sind beispielsweise:

  • Polyamid (PA)
  • Polybutylenterephthalat (PBT)
  • Polypropylen (PP)
  • Polycarbonat (PC)
  • Polyphenylensulfid (PPS)
  • Hochleistungsthermoplaste wie PEEK

Auch glas- oder carbonfaserverstärkte Thermoplaste sind für das thermische Direktfügen besonders interessant, da sie hohe mechanische Eigenschaften mit geringem Gewicht kombinieren. Bei sehr feinen Laserstrukturen muss jedoch berücksichtigt werden, dass überwiegend die Polymermatrix in die Kavitäten eindringt und die Fasern die Strukturfüllung beeinflussen können.

Für die Auswahl einer geeigneten Materialkombination sind insbesondere Schmelz- und Zersetzungstemperatur des Kunststoffs, Wärmeleitfähigkeit des Metalls, thermische Ausdehnungskoeffizienten, Benetzungsverhalten und die spätere mechanische sowie thermische Belastung entscheidend.

Duroplastische Kunststoffe eignen sich für das klassische thermische Direktfügen dagegen nur eingeschränkt, da sie nach der Aushärtung nicht erneut aufgeschmolzen werden können.

Wo wird thermisches Direktfügen eingesetzt?

Das Verfahren ist besonders interessant, wenn Metall nur lokal für Festigkeit, Steifigkeit, Wärmeleitung oder Verschleißbeständigkeit benötigt wird und der restliche Bauteilbereich gewichts- oder funktionsoptimiert aus Kunststoff aufgebaut werden soll.

Typische Anwendungsgebiete sind:

  • Automobilindustrie und E-Mobilität: Batteriekomponenten, Steuergerätegehäuse, Sensorik, Pumpen und Aktuatoren
  • Elektronik und Leistungselektronik: Gehäuse, Kühlstrukturen und elektrisch isolierende Hybridbaugruppen
  • Leichtbau und Strukturbauteile: metallische Lastpfade kombiniert mit thermoplastischen Funktionsstrukturen
  • Maschinen- und Gerätebau: Gehäuse, Abdeckungen und medienführende Komponenten
  • Medizintechnik: kompakte Präzisions- und Gehäusebauteile
  • Spritzgegossene Hybridbauteile: direkt an- oder umspritzte, laserstrukturierte Metallinserts

Insbesondere im automobilen Leichtbau werden bereits seriennahe Konzepte untersucht, bei denen laserstrukturierte Stahlbauteile mit glasfaserverstärkten Thermoplasten innerhalb eines Spritzgussprozesses verbunden werden.

Fazit

Thermisches Direktfügen ist mehr als das Aufrauen einer Metalloberfläche und anschließende Anschmelzen eines Kunststoffs. Die eigentliche Leistungsfähigkeit entsteht aus der gezielten Abstimmung von Laserstruktur, Temperaturfeld, Schmelzeviskosität, Fügedruck und Erstarrung. Besonders hinterschnittige Strukturen ermöglichen einen ausgeprägten mikromechanischen Formschluss und können die Belastbarkeit auch senkrecht zur Fügefläche verbessern.

Für die Serienproduktion ist die Kombination mit dem Spritzguss besonders interessant, weil Herstellung und Fügen in einem Prozessschritt zusammengeführt werden können. Überall dort, wo die Eigenschaften von Metall nur lokal benötigt werden, bietet das thermische Direktfügen damit die Möglichkeit, beide Werkstoffklassen werkstoffgerecht zu einem leichten, belastbaren und funktionsintegrierten Hybridbauteil zu kombinieren.

agile Softwareentwicklung, Lasermaschinenbau

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Dennis Pechner
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